NAOMI KAWASE (*1968) LES ARBRES À L’ÉCRAN

13/01 - 15/02/2022

 

Gleich zwei Themen greift das Filmpodium im ersten Zyklus des neuen Jahres auf.Gleich zwei Themen greift das Filmpodium im ersten Zyklus des neuen Jahres auf. 

 

NAOMI KAWASE - Visuelle Poetin des Unsichtbaren und Unausgesprochenen

Gerade 27 Jahre alt war Naomi Kawase, als sie in Cannes die «Camera d'Or» gewann. Damit war sie die jüngste Person, die je diese Auszeichnung für den besten Erstlingsfilm am weltweit bedeutendsten Filmfestival erhalten hat. Das war 1997 für ihren Spielfilmerstling «Suzaku», ein mit Laien realisiertes Familiendrama um ein gescheitertes Eisenbahnprojekt in einem Bergdorf ihrer südjapanischen Heimatprovinz Nara.

Dort wuchs Naomi Kawase, 1969 in der gleichnamigen Hauptstadt der Provinz ganz im Süden Japans geboren, bei ihrer Grossmutter auf. Die Erfahrung der abwesenden Eltern muss sie stark geprägt haben, fand immer wieder Niederschlag in ihren Filmen, die sich einer einfachen Beschreibung konsequent entziehen. Fast immer geht es in ihnen um Schönheit und Rätselhaftigkeit der Natur, die scheinbar zufälligen Details des Alltags, die Zerbrechlichkeit von Familienstrukturen, das Versagen der Moderne – aber auch um jene Verbindung der Lebenden mit den Toten, die nur das Kino zu schaffen imstande ist.

 

Dabei gilt das was im Jahr 2000 Jean Perret, langjähriger Leiter des Filmfestivals Visions du Réel von Nyon im Katalog des Festivals - das damals bereits eine Retrospektive ihrer Dokumentarfilme einschliesslich des erwähnten Spielfilmerstlings veranstaltete – auch heute noch erklärt, was Naomi Kawases Filme so magisch macht: «Sie tasten sich an die Unsagbarkeit der Gefühle heran und befinden sich auf der Suche nach grundlegenden Wahrheiten, wobei die Filmemacherin mit poetischer Feinfühligkeit und verspielter Beharrlichkeit vorgeht.»

 

Betrachtet man nun unsere kleine Retrospektive aus dem Schaffen Kawases der letzten zehn Jahre, so klingt hier bereits in einigen der Titel an, was für ein Universum wir betreten: «Das Rot des Mondes (Suzaku)» (2011), «Still the Water» (2014), «Radiance» (2017), «Vision» (2018). Und auch in ihrem grössten Erfolg, «An – Von Kirschblüten und roten Bohnen» (2015), einem mythisch überhöhten kulinarischen Film, und ihrem neuesten Wurf, dem Adoptionsdrama «True Mothers» (2020), sind es letztlich ewige Menschheitsthemen: Liebe, Tod, Streben nach Glück, die in Bildern von seltener Schönheit erstrahlen. Geri Krebs

 

LES ARBRES À L’ÉCRAN
Das Filmpodium nimmt Sie mit auf eine filmische Reise zu den vielfältigsten Bäumen. Eine poetische Ode an die Rivalität zwischen Mensch und Natur ist der Premierefilm GROSSER BAUM AUF REISE - TAMING THE GARDEN. Er erzählt mit bildgewaltigen Tableaux die Geschichte von jahrhundertealten Bäumen, die ein einflussreicher Mann sammelt: um seinem ungewöhnlichen Hobby zu frönen, lässt er sie in Gemeinden entlang der georgischen Schwarzmeerküste ausgraben und in seinen privaten Park verpflanzen.

 

Im Dokumentarfilm THE TRUFFLE HUNTERS, begeben wir uns, geleitet von charismatischen, liebevollen Charakteren, tief in die Wälder Norditaliens, wo der wertvolle weisse Alba-Trüffel zu finden ist. Von den reichsten Genussmenschen der Welt wird er immer wieder auf dem Teller gewünscht – aber der Trüffel kann nicht kultiviert oder einfach gefunden werden. Die einzigen Seelen auf der Erde, die wissen, wie man ihn ausgräbt, sind ein paar Hunde und ihre ergrauten menschlichen Gefährten – italienische Älteste mit Spazierstöcken und teuflischem Sinn für Humor, die nur nachts nach dem Trüffel suchen, um nicht Hinweise für andere Trüffeljäger zu geben.

 

Im vielschichtigen Drama CAPTAIN FANTASTIC begleiten wir den hochgebildeten Ben, der aus Überzeugung mit seinen sechs Kindern in der Einsamkeit der Berge lebt, in die idyllische Natur im Nordwesten Amerikas. Er unterrichtet sie selbst und bringt ihnen nicht nur ein überdurchschnittliches Wissen bei, sondern auch wie man jagt und in der Wildnis überlebt. Als seine Frau stirbt, ist er gezwungen mitsamt der Sprösslinge seine selbst geschaffene Aussteigeridylle zu verlassen und der realen Welt entgegenzutreten.

 

Im neuen Film von Jean-Pierre Duval und Ernst Zürcher, LA PUISSANCE DE L‘ARBE, werden wir uns nach und nach bewusst, dass der Baum eine fundamentale Erscheinungsform des Lebendigen ist, auf ähnlicher Ebene wie der Mensch und die Tiere. Unsere alten Bäume, diese pflanzlichen Riesen, diese Meister der Zeit, ermöglichen uns einen ganzheitlichen Zugang zur Natur. Sie bleiben tatsächlich mächtige Botschafter, die jeder und jedem bewusst machen, dass es heute eine akute Notwendigkeit ist, uns der Erde zu nähern und sie zu schützen. 

 

Freuen können wir uns auf den Besuch der Künstlerin Zilla Leutenegger und des Regisseurs Iwan Schumacher, im Gespräch mit Alice Henke (Redaktorin bei Radio SRF2 Kultur) am Sonntag 16/01 15h00 mit ihrem Film ZILLA.

Zilla Leutenegger gehört zu den bekanntesten Schweizer Künstler*innen der Gegenwartskunst. Der Filmemacher Iwan Schumacher begleitete sie während dreier Jahre und fokussiert dabei auf die Entstehung von drei Arbeiten als Ausgangspunkte für Streifzüge durch Zillas Leben und Werk: zwei Pianos aus dem Flügelfriedhof, die für Papa und Mama stehen, ein unendlich langer Gang und der Schatten eines Silberrückens namens ZillaGorilla. Ihr Schaffen reflektiert die Bedeutung von Räumen als Speicher von Erinnerungen, als Orte der Sehnsucht, der Ängste und Träume, aber auch für Imagination. Der Film zeichnet ein sehr gegenwärtiges Bild davon, was es heisst, heute Künstlerin zu sein, jenseits aller romantischen Künstlerklischees.